Preußen kann nur Last-Minute?

2019/2020 - Spielbericht - SC Preußen Münster - FSV Zwickau - 2:1
Foto: SC Preußen Münster

Münster, 24. Juni 2020, 20:50 Uhr, Preußenstadion an der Hammer Straße. Im Strafraum der Zwickauer stehen drei Männer. Sie alle hatten auf den bisherigen Spielverlauf großen Einfluss: Gäste-Keeper Johannes „Pommes“ Brinkies, Schiedsrichter Patrick Schwengers und Adlerträger Heinz Mörschel. Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt und auf der Anzeigetafel steht ein 1:1. Es läuft die 93. Minute. Nach diesem Elfmeter ist das Spiel vorbei.

Für Brinkies ist es die Möglichkeit, seine insgesamt starke Leistung zu krönen und den in Gefahr geratenen Punkt für sein Team zu retten. Bei Schiri Schwengers entscheidet sich in diesem Moment, ob er nach Abpfiff zur Zielscheibe der Zwickauer oder der Münsteraner wird. Und Heinz Mörschel? Der hat schon eine Bude gemacht und kann jetzt das Spiel und das Saisonfinale drehen. Wenn er den Ball versenkt, bleibt der Klassenerhalt für die Preußen eine wirklich realistische Möglichkeit. Wenn er verschießt, bleibt Preußen Münster auf Platz 18. Die Lichter in Sachen Klassenerhalt sind dann noch nicht ganz aus, aber weiter runterdimmen lassen sie sich definitiv nicht mehr.

Let’s rewind!

Wir alle wissen, wie es nach dem Pfiff weitergeht. Aber wie sind wir überhaupt in diese 93. Minute gekommen? Warum ist es so verdammt spannend geworden? Spulen wir mal ein bisschen zurück.

Münster, 24. Juni 2020, 19:00 Uhr, Preußenstadion an der Hammer Straße. Die Ausgangslage ist klar: Beide Teams brauchen einen Sieg, um noch aus dem Tabellenkeller herauszukommen. Die Lage für unsere Adlerträger ist aber etwas dramatischer. Der Abstand auf den Nichtabstiegsplatz beträgt satte fünf Punkte. Mit einem Sieg würde das Team nicht nur Platz 18 nach oben verlassen, sondern den Abstand zu den Chemnitzern auf zwei Punkte verkürzen. Die hatten am Abend zuvor gegen Braunschweig verloren.

Doch zunächst machen nur die Schwäne aus Zwickau richtig Alarm. Die Preußen-Defensive wird fast bis zur eigenen Grundlinie angelaufen und kann sich nur selten wirklich gut befreien. Es kommt zu vielen kleinen Fouls, die zu letztlich ungefährlichen Standards der Zwickauer führen. Einen Hochkaräter bekommt der FSV: Steurer haut im Strafraum über den Ball und legt ihn für Schröter auf, der allerdings deutlich verzieht. In dieser Phase gerät auch Schiedsrichter Schwengers ein wenig in Schwierigkeiten. Die Preußen-Defensive arbeitet mit langen Bällen, es gibt einige Kopfballduelle. Subjektiv betrachtet pfeift der Travemünder von diesen Duellen auf beiden Seiten zu viele ab. Das wird später noch für Diskussionen sorgen.

Zwickau lässt nach

Die erste halbe Stunde geht an Zwickau. Johannes Brinkies hat fast nichts zu tun. Auch die erste richtige Chance der Preußen in Minute 32 wehren seine Abwehrleute ab. Ein wuchtiger Flachschuss von Cueto landet an einem Zwickauer Abwehrbein und der Nachschuss von Mörschel im Gästeblock. Wenig später klingelt es dann fast. Eine Flanke von Scherder wird immer länger und landet schließlich auf dem Kopf von Fridolin Wagner, der den Ball aber nicht mehr genau platzieren kann. Positiv für alle Preußen: Die Ecken von Heinz Mörschel sehen bislang richtig gefährlich aus.

Halbzeit: Beide Teams hatten starke Phasen und könnten jetzt führen. Für unsere drei Protagonisten aus der letzten Spielminuten fällt das Fazit gut aus. Brinkies freut sich über wenig Arbeit, Schiri Schwengers hat die Partie trotz der vielen Fouls bislang weitestgehend im Griff. Und Heinz Mörschel? Der durfte viele Dinge mit dem Ball machen, die aber bislang nicht zum Tor führten. Die zweite Halbzeit dürfte spannend werden.

Malerarbeiten und Juristen-Talk

Und trotz Geisterspiel lohnt sich an diesem Abend ein Blick auf die Ränge. Denn die erstrahlen in neuem Glanz. Die Ostkurve wurde frisch in den schönsten Farben der Welt gestrichen und von Unkraut befreit. Verantwortlich dafür ist die aktive Fanszene, die während des Spiels gegen Braunschweig im heimischen Stadion mit Pinsel und Farbrolle statt Fahnen geschwungen hat. Auch der Adler in der Westkurve hat von den Jungs eine Auffrischung bekommen und wirkt nicht mehr so gräulich wie zuletzt. Sehr gute Aktion!

In der Halbzeit erklärt außerdem Malte Metzelder am TV-Mikrofon nochmal ganz in Ruhe für alle Nicht-Juristen, warum der SCP nur gegen Niederlagen Einspruch einlegen kann und gibt nebenbei noch dem Kicker einen mit. Offene Kritik am DFB vom SCP? Rechtliche Mittel, die bis zum Schluss ausgereizt werden? Und dann legt sich der SCP auch noch mit Deutschlands größter Fußballzeitschrift an? Der Adler zeigt seine Klauen! Ich verbuche das mal unter „positive Auswirkungen der Corona-Krise“.

Zweite Halbzeit gehört Preußen

Die zweite Halbzeit begann genau andersherum. Jetzt machten die Adlerträger Druck. Vor allem Lucas Cueto kam zwei Mal zu guten Chancen. Einmal hielt Brinkies ein Bein dazwischen und einmal zielte der insgesamt stark spielende Cueto am Tor vorbei. Und dann kam der Schlag in die Magengrube. Erdogan foulte ein aussichtsreicher Position. Die Freistoßflanke der Zwickauer erinnerte an die Chance von Wagner aus Halbzeit eins. Entscheidender Unterschied: Gerrit Wegkamps Kopfball landete im Tor. Verdammt!

Kurzer Blick auf die Uhr: 60 Minuten sind rum. Zwickau zieht in der Blitztabelle an Chemnitz vorbei und steht auf einem Nichtabstiegsplatz. Und in Münster gehen die Lichter aus. Das Tor passt nicht zum Spielverlauf, denn die Chancen hatte in Halbzeit zwei bislang nur Münster. Aber es passt zur bisherigen Saison. Immer wieder kriegt Preußen bei guten Spielen „einen vor den Latz“, wie es Sascha Hildmann später ausdrücken wird. In den sozialen Medien mehren sich die „Das war’s!“-Rufe der Fans.

Reaktion auf den Tiefschlag

Und die Mannschaft? Macht einfach weiter. Aber das Gefühl, dass das hier heute endgültig in die Hose gehen könnte, verstärkt sich in der 65. Minute. Johannes Brinkies hat seinen nächsten großen Auftritt. Ein Freistoß segelt von der linken Seite in den Zwickauer Strafraum. Luca Schnellbacher mit dem Kopf, Parade Brinkies. Schnellbacher legt den Abpraller per Kopf wieder quer, Kopfball Löhmannsröben und wieder Parade Brinkies. Innerhalb weniger Sekunden rettet Brinkies zwei Mal die drei Punkte. Vor allem beim zweiten Kopfball aus knapp drei Metern war es eine starke Parade. Und für die Preußenfans ein kleiner Schlag: „Will der Ball heute schon wieder nicht rein?“

Nach einer weiteren Großchance für Zwickau reagiert Sascha Hildmann: In der 75. Minute bringt er Grodowski und Litka für Rossipal und Cueto. Zwei offensive Leute für die letzte Viertelstunde. Heinz Mörschel wird ins Sturmzentrum beordert und soll dort Verwirrung stiften. Und dabei trifft er auf Johannes Brinkies. Mit Folgen.

Kurz nach den Wechseln fliegt in der 78. Minute eine der vielen Flanken der Preußen in den Zwickauer Strafraum. Besonders gefährlich wirkt sie nicht: Sie fliegt auf einen Pulk aus drei Zwickauern und Heinz Mörschel zu. „Pommes“ Brinkies kommt raus und wird das Ding sicher abfangen. Doch dieses Mal macht der bislang tadellose Brinkies einen schweren Fehler: Er kann den Ball nicht festhalten. Der Ball rutscht ihm aus den Fingern und prallt vor die Füße von Heinz Mörschel. Und der legt den Ball ganz locker ins Tor.

Da geht noch was!

Und Schiri Patrick Schwengers? Der zeigt auf den Mittelkreis. Tor, Anstoß. Halb Zwickau steht mit erhobenen Armen im Strafraum. Sie wollen ein Foul an Brinkies gesehen haben. Schwengers nicht und das wirkt in der Wiederholung richtig. Dennoch ebben die Proteste nur langsam ab. Zwickau, das wird auch nach dem Spiel deutlich, fühlt sich das erste Mal vom Schiedsrichter benachteiligt. Dazu kommt: In der zweiten Halbzeit ist Schwengers etwas freigiebiger mit den gelben Karten geworden. Eine davon gibt es für Julian Schauerte, der damit gegen Mannheim fehlen wird. Die Karten wirken berechtigt, allerdings kassiert Zwickau mehr Karten als Preußen.

Der Ball ist jetzt fast nur noch in der Zwickauer Hälfte. In der 90. Minute vergibt Löhmannsröben eine weitere Kopfballchance. Drei Minuten Nachspielzeit gibt es. Viele Chancen wird es für die Preußen nicht mehr geben. Dann kommt die 93. Minute. Dreißig Meter vor dem Tor kommt es zu einem Luftzweikampf zwischen Königs und einem Zwickauer. Schwengers pfeift – aus Zwickauer Sicht vielleicht überraschend – nicht. Der Ball kommt zu Steurer, der den Ball auf Grodowski spielt. Dessen Arm liegt auf der Schulter eines Zwickauers, der daraufhin fällt. Schwengers pfeift nicht.

Pfeift er den Elfmeter?

Grodowski hat jetzt nur noch Brinkies vor sich. Der Preuße legt den Ball vorbei. Brinkies greift nach dem Ball, versucht zurückzuziehen und trifft doch nur Grodowski, der dazu noch ein bisschen einfädelt. Grodowski fällt. Und Schwengers? Jetzt pfeift er. Elfmeter für Preußen Münster! Jetzt ist der Bock fett! Schwengers wird von Zwickauern umringt und Miatke kassiert sogar gelb wegen Meckerns. Nur einer beteiligt sich nicht am Rudel: Johannes Brinkies. Der Führungsspieler scheint zu ahnen, dass er sich den zweiten schweren Fehler des Abends geleistet hat und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Womit wir wieder am Anfang wären. Und hoffentlich die Frage geklärt ist, wie wir verdammtnochmal zu diesem Punkt gekommen sind. Warum man Preußenspiele derzeit bis zum letzten Augenblick gucken sollte. Denn irgendwas passiert immer. Preußenstadion, 20:50 Uhr: Der Ball liegt auf dem Punkt. Alle sind absolut still. Man kann sogar einen Zug auf den nahegelegenen Gleisen hören. Schwengers pfeift. Mörschel schießt. Flach, unten links. Brinkies fliegt in die falsche Richtung. Tor! 2:1 für Preußen Münster! Die Adler leben noch! Oder waren sie nie tot?

GEMEINSAM UNTEN RAUS!

Kleiner Nachtrag: Unsere Saisonspende hat gestern Abend 348 Euro plus gemacht. Damit liegen wir jetzt bei über 5.000 Euro. Vielen Dank an alle Spender! Hoffentlich werden es noch ein paar Euro mehr!



Der Spieltag

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