Preußen will in Nürnberg den Bock umstoßen

Freitagabend, Max-Morlock-Stadion, Flutlicht. Fußballromantik sagen die einen – logistischer Härtetest die anderen. Für den SC Preußen Münster steht das zweite Auswärtsspiel in Folge an und zugleich die zweitlängste Tour der Saison. Über 500 Kilometer je Strecke und das bei unbeständigem Winterwetter. Ein großes Dankeschön geht an dieser Stelle an die DFL für diese maximal auswärtsfahrerfreundliche Terminierung. Ein weiterer Beleg für die Annahme, dass in Frankfurt die Spielansetzungen einfach reihenweise ausgewürfelt werden. Oder hat sonst jemand eine logische Erklärung dafür? Immerhin: Rund 900 Preußenfans werden sich trotzdem auf den Weg ins Frankenland machen. Respekt an jeden Auswärtsfahrer.
Das Max-Morlock-Stadion, einzigartig in seiner achteckigen Gestaltung und mit einer Kapazität von knapp 50.000 Plätzen, wird am Freitag voraussichtlich mit etwa 26.000 Zuschauern gefüllt sein. Ein Traditionsort, ein Traditionsgegner – und eine Aufgabe, die es in sich hat.
Tabellenschlusslicht kommt in Heimfestung
Die Lage im unteren Tabellenbereich hat sich nach der Winterpause noch einmal deutlich zugespitzt. Hatte sich der SCP vor dem Jahreswechsel noch einen ordentlichen Punktespeck von fünf Punkten auf den ersten direkten Abstiegsplatz angesammelt, beträgt dieser nach zwei unglücklichen Niederlagen nur noch einen Zähler. Bei Punktgleichheit mit der Fortuna aus Düsseldorf auf Platz 16. Punkte wären also nicht nur wünschenswert, sondern dringend nötig.
Die jüngsten Ergebnisse, als es beim 1:2 bei unserem Angstgegner Paderborn und beim 0:2 gegen den KSC nach Platzverweisen nichts zu holen gab, haben unseren Adlerträgern nicht gerade Rückenwind beschert. Hinzu kommt: Münster ist Schlusslicht der Auswärtstabelle und wartet seit fünf Spielen auf den nächsten Sieg. Dazu passt, dass die Clubberer seit Ende September in Heimspielen ungeschlagen sind und aus den letzten fünf Heimspielen starke 13 Punkte holten. Es wird also Zeit, ein paar Serien zu brechen und den berühmt-berüchtigten Bock umzustoßen.
Offensive Hoffnungsträger und personelle Baustellen
Die sportliche Lage ist angespannt, besonders in der Offensive drückt durch einige Ausfälle der Schuh. Dementsprechend hat der SCP noch einmal reagiert: Zwei neue Offensivkräfte sollen helfen, die zuletzt arg gebeutelte vorderste Linie zu stabilisieren. Mit Shin Yamada, ausgeliehen von Celtic Glasgow, kommt ein beweglicher, mitspielender Stürmer, der gerne tiefe Laufwege anbietet und das Kombinationsspiel belebt. Imad Rondić, vom 1. FC Köln geliehen und zuletzt in Polen aktiv, bringt dagegen das klassische Boxspieler-Profil mit. Zwei unterschiedliche Stürmertypen also, die sich auf dem Papier hervorragend ergänzen und bereits am Freitag Optionen sein könnten. Besonders auf Rondić bin ich gespannt – denn aus Köln hörte man nicht soo viel Gutes über seine sportlichen Qualitäten. Aber mal abwarten. Weitere Transfers sind zudem nicht ausgeschlossen, die Augen werden offengehalten. Aktionismus ist jedoch weiterhin kein Thema.
Abseits des Rasens gibt es ebenfalls positive Signale. Morten Behrens hat seinen Vertrag verlängert und untermauert damit seinen Stellenwert als verlässliche Nummer zwei. Als Vertreter von Johannes Schenk hat er seine Rolle angenommen, sich voll in den Dienst der Mannschaft gestellt und bewiesen, dass auf ihn Verlass ist. Personell bleibt es herausfordernd. Johannes Schenk kehrt nach überstandener Grippe wieder zwischen die Pfosten zurück. Und das in seiner fränkischen Heimat, wo bestimmt Familie und Freunde auf den Rängen sitzen werden.
Mannschaft glaubt an eingeschlagenen Weg
In der Defensive dürfte Paul Jaeckel nach abgesessener Rotsperre wieder in die Startelf rücken. Marvin Schulz ist ebenfalls eine Option für eine Position in der Mittelfeld-Raute, auch wenn seine Kräfte wohl noch nicht für die volle Distanz reichen werden. Er dürfte den gesperrten Yassine Bouchama ersetzen, der nach seinem Platzverweis in Paderborn für drei Spiele fehlt – inklusive Berliner-Entschuldigung bei der Mannschaft. Ebenfalls fehlen wird Rico Preißinger aufgrund seiner fünften Gelben Karte. Hoffnung macht hingegen Joshua Mees, der nach überstandener Beinentzündung wieder voll trainiert und zumindest als Joker eine Option sein könnte.
Die Mannschaft flog bereits am Donnerstag nach München, ehe es nach dem Spiel in der Nacht zum Samstag mit dem Bus zurück nach Münster geht – ein straffes Programm in einer kurzen Trainingswoche. Dennoch bleibt die Stimmung ruhig. Trotz der prekären Tabellenlage ist niemand unruhig, niemand zweifelt am eingeschlagenen Weg. Ende bringt es gewohnt klar auf den Punkt: Fußball sei ein Ergebnissport, und die Ausbeute sei zuletzt zu gering gewesen. Trotzdem müsse man an den eigenen Überzeugungen festhalten. Wer jetzt kopflos werde oder wild reagiere, mache genau das Falsche. Vielmehr sei dieser Moment ein wichtiger, an den man sich im Mai erinnern werde, wenn man den Klassenerhalt erreicht hat.
Club hat sich stabilisiert
Der 1. FC Nürnberg ist aktuell Tabellenneunter mit 25 Punkten. Nach einem Fehlstart in die Saison (nur ein Punkt aus den ersten fünf Saisonspielen) ist die Mannschaft von WM-Rekordtorschützen Miroslav Klose deutlich stabiler geworden. Eine Serie von sechs ungeschlagenen Spielen in Folge und Achtungserfolge wie gegen Hannover 96 kurz vor den Weihnachtsfeiertagen (2:1) hat die „Clubberer“ in der Tabelle ordentlich klettern lassen. Auch wenn die Abstiegsränge aktuell nur fünf Zähler entfernt sind.
Taktikfans dürften am Freitag auf ihre Kosten kommen. Denn wie der SCP spielt auch der FCN mit einer Raute im Mittelfeld. „Wenn zwei Mannschaften mit demselben Ansatz aufeinandertreffen, wird es immer interessant“, freut sich Alexander Ende auf das Kräftemessen. Der Kader der Nürnberger ist sehr jung, Abwehr und Mittelfeld sind gut eingespielt. Was lange fehlte – und somit auch ordentlich Punkte kostete – ist ein treffsicherer Stürmer, der die erspielten Chancen verwertet. Moment Mal, das kennen wir doch irgendwoher… Die Leihe von Artem Stepanov wurde kürzlich aufgelöst, der neue Hoffnungsträger heißt nun Piet Scobel, der von der U23 befördert wurde und bei seinem ersten Einsatz über längere Distanz gegen Top-Team Elversberg gleich doppelt traf. Gegen die Abwehr-Hünen der Darmstädter (0:2) biss er sich aber am vergangenen Spieltag die Zähne aus. Hoffen wir mal, das dies Jaeckel und Heuer genauso gut gelingt.
Weitere Eckpfeiler sind Adam Markhiev, der als Sechser das Herzstück in der Nürnberger Mannschaft ist, Berkay Yilmaz, der immer wieder über die linke Seite gefährliche Vorstöße wagt und Mohamed Zoma und Rafael Lubach, die auch über die Außen oder als hängende Spitze immer wieder Akzente nach vorne setzen. Spannende Anlagen bringt auch Club-Neuzugang Rabby Nzingoula mit. Der französische U20-Nationalspieler wird vor allem für das Mittelfeldzentrum und die Rechtsverteidigerposition eingeplant.
Gute Erinnerungen? Durchaus
„Es wird auf Kleinigkeiten ankommen“, sagte Klose auf der Pressekonferenz vor dem Spiel. Und damit dürfte er recht behalten. Beim Heimspiel in der Hinrunde überzeugte der SCP und konnte sich nach Toren von Oliver Batista Meier und Marvin Schulz beim 2:1-Erfolg den ersten Saisonsieg erkämpfen. Letzte Saison hingegen endete der Trip ins Frankenland nicht so positiv für die Preußen, als der gebürtige Münsteraner Casper Jander (inzwischen beim FC Southampton aktiv) mit einem Tor und zwei Torvorlagen alle Hoffnungen der Schwarz-Weiß-Grünen beim 2:3 zunichtemachte.
Die Ausgangslage ist klar, der Druck spürbar. Doch Hektik hilft niemandem – Überzeugung dagegen schon. Der SCP fährt nach Nürnberg, um genau das auf den Platz zu bringen: Haltung, Mut und den festen Glauben an den eigenen Weg. Mit Unterstützung von 900 Preußenfans und dem Wissen, dass solche Spiele manchmal genau den Ausschlag geben können. Freitagabend wäre eine gute Gelegenheit dafür. Zeit, den Bock umzustoßen!
Alle zusammen für Preußen Münster!
